Dr. Rolf Giesen hat die letzten Monate als Gastprofessor der Communication University of China in Peking verbracht. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur erzählt er vom chinesischen Animationsfilm, seinem gewaltigen Potential und seiner Bedeutung für die deutsche Animation. Zitate:
Über die kulturellen Unterschiede: „Es geht immer um die Inhalte. In diesem Jahr werden wahrscheinlich bis zu 100.000 Minuten Animation in China produziert, Hunderttausende von Animatoren werden ausgebildet. Es ist eine Frage der Quantität, aber man möchte zu einer Qualität gelangen. Man weiß, dass Animation weltweit populär ist. Animation ist vielleicht ja die erfolgreichste Art der visuellen Kommunikation, auch Bilder zu erzeugen, aber man weiß nicht, wie man Inhalte aus diesem Kulturkreis übersetzt, um sie global akzeptabel zu machen.“
Über chinesische Erzählweise und chinesischen Humor: „Sie erzählen nicht "straightforward", sie erzählen nicht von A bis Z, sie gehen viele Umwege, und sie haben (...) nicht den schwarzen Humor, den wir haben. Sie lachen sehr gerne und sie haben ein freundliches Lachen. Also sie haben kein Lachen wie etwa andere auslachen, das kennen sie nicht, sondern sie freuen sich an Dingen.
Über die Angst, mit „Entwicklungshilfe“ für die chinesische Animation einen neuen übermächtigen Konkurrenten heranzuziehen: Genau das wurde mir hier von einigen Kollegen in Deutschland vorgehalten, und ich habe gesagt, was ihr sagt, ist nicht richtig. Wir (in Europa) saßen Hunderte von Jahren auf den Inhalten, und dann kamen die Amerikaner und haben daran verdient. Was sind Pinocchio, Bambi, Schneewittchen, "Shrek", "Arielle"? Geschichten aus Europa, die, na ja, etwas unkonventionell erzählt werden, die Merchandising in Milliardenhöhe haben. Es werden an diesen Produkten Multimilliarden verdient, und wir verdienen nichts. Wir gehen daran vorbei. Wir haben unsere eigene Kultur ignoriert. Und in der Zusammenarbeit, beispielsweise mit China, lernen wir, unsere eigene Kultur neu zu reflektieren, sie einzuschätzen, sie auch wirtschaftlich einzuschätzen.
Über Qualität und Verantwortung: „Wir reden ja nicht nur von Film und Fernsehen, wir reden von Computerspielen, wir reden vom Internet, Mobilephone und den Technologien, die jenseits des Computers liegen. Es sind ganz große Gefahren natürlich in den visuellen Medien, die auf uns zukommen. Gerade das ist eine Form von Umweltschutz, die wir betreiben. Wir brauchen nicht nur einen Umweltschutz der Natur gegenüber, sondern auch eine Art Umweltschutz in den Medien. (...) Wir müssen Kriterien entwickeln und den Dialog so entwickeln, um uns gegen geistigen Müll zu wehren und dass dieser Müll in unseren Köpfen abgeladen wird. Das ist eine der Verantwortungen in der gegenseitigen Beziehung.“
Das Interview im Wortlaut auf der Website von Deutschlandradio Kultur: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/660676/
VdAP-Mitglieder finden das Interview zum Nachlesen und -hören im Mitgliederbereich
22.8.2007
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